Archäologen legen das mittelalterliche Pattensen frei
Hannover/Pattensen - Im Herzen von Pattensen sind Archäologen jetzt auf Spuren der hoch- und spätmittelalterlichen Stadt (13. – 15. Jahrhundert) gestoßen. Freigelegt wurden bislang ein sogenanntes Grubenhaus, mehrere Brunnen sowie Pfostenlöcher, die auf ein größeres Gebäude schließen lassen. Zu den geborgenen Fundstücken zählen typische Haushaltsgegenstände des Mittelalters wie Fragmente von Kugeltöpfen und anderer Gebrauchskeramik.
Anlass für die Grabungen war der geplante Bau von drei Mehrfamilienhäusern durch die Firma meravis auf dem Gelände des Gutsparks an der Rudolf-Schlie-Straße.
Nachweislich 100 Jahre war das Grundstück innerhalb des historischen Pattenser Stadtwalls unbebaut. „Da lag es nahe, dass im Verlauf der Baumaßnahme archäologischer Funde und Befunde zu Tage treten würden“, sagt Ute Bartelt, als Kommunalarchäologin bei der Region Hannover beschäftigt. Die Region Hannover hat bei den Grabungen in Pattensen die Projektleitung inne. Mit den Untersuchungen vor Ort ist die Firma ArchaeoFirm Poremba & Kunze GbR aus Isernhagen beauftragt.

Archäologen bei der Arbeit: Tobias Pormeba (ArchaeoFirm) und Ute Bartelt von der Region Hannover sichern Funde aus dem Pattenser Mittelalter
Dem Bauherren, der meravis Wohnungsbau- und Immobilien GmbH, war es wichtig, frühzeitig Gewissheit über die Geschichtsträchtigkeit des Baugrundes zu bekommen. „Wir haben uns in enger Abstimmung mit der für den Denkmalschutz zuständigen Region Hannover dazu entschlossen, das Gelände für unser Projekt ‚Wohnen im Gutspark’ auf seine archäologische Bedeutung überprüfen zu lassen, bevor die Bagger ihre Arbeit beginnen“, berichtet Peter Winter, Kaufmännischer Leiter von meravis: „So vermeiden wir unnötige Verzögerungen während der eigentlichen Baumaßnahme und ermöglichen es andererseits den Wissenschaftlern, so viel Informationen wie möglich über die Siedlungsgeschichte des Ortes zu sammeln.“
Für Klaus Grupe, Erster Stadtrat von Pattensen, hat sich an der Rudolf-Schlie-Straße ein Fenster in die Vergangenheit Pattensens geöffnet: „Das, was hier freigelegt wird, ist hoch interessant für mich und die Einwohnerinnen und Einwohner einer Stadt, die zu den ältesten und wichtigsten Ansiedlungen in der Region Hannover zählt. Um so mehr, da es im Pattensener Stadtkern bislang nur wenige archäologische Untersuchungen gab, und alle Dokumente über die bewegte Frühphase der Stadt durch Kriege und Brände unwiderruflich vernichtet sind. Die Altstadt hat für Pattensen große Bedeutung. Mit der begonnenen Sanierung des historischen Stadtkerns wollen wir die besonderen Qualitäten dieses Viertels noch stärker herausstellen.“
Voraussichtlich bis Ende September werden die Grabungen andauern. „Mal sehen, was wir noch entdecken“, sagt Ute Bartelt. „Eine Ausgrabung ist ein Prozess, das Bild kann sich mit jedem neuen Fund verändern.“
Das historische Pattensen
Der erste schriftliche Nachweis über die südlich von Hannover gelegene Stadt Pattensen stammt vaus dem Jahr 983, als ein gewisser Bardo für seinen Bruder Wybert dem Kloster Corvey eine „familiam in Pathi“ überschreibt. Die strategisch bedeutsame Lage an einem Fernhandelsweg begünstigte die Gründung des Ortes, die sumpfige Schille-Niederung bot natürlichen Schutz vor Angreifern. Doch erst Ende des 13. Jahrhunderts erhält die Bürgerschaft die Stadtrechte. Überregionale Bedeutung erlangte Pattensen vor allem durch seine Befestigungsanlagen. Die Burg und die umliegenden Burgmannshöfe wurden von den Grafen zu Hallermund errichtet. Der Ort dürfte stark gesichert gewesen sein: 1336 sind Mauer und Türme erwähnt, die den vorhandenen Wassergraben ergänzen. Damals ist Pattensen in seinen noch heute erkennbaren Grundzügen entstanden.
Die Befestigungsanlagen boten allerdings keinen absoluten Schutz, wie sich während der Hildesheimer Stiftsfehde (1519 bis 1523) zeigen sollte. Der Ort brannte fast vollständig ab, Mauern und Wälle wurden geschleift. Brände, Brandschatzungen und Plünderungen stoppten die Entwicklung Pattensen auch in den folgenden Jahrzehnten. Was der Dreißigjährige Krieg übrig gelassen hatte, vernichteten weitere verherrende Feuer. Die letzte große Feuersbrunst kam 1733 über den Ort: Neben wertvoller Bausubstanz verwandelten sich auch Archiv-Dokumente, die die städtische Entwicklung dokumentierten und über das Leben in der Stadt Zeugnis ablegten, in Asche.
Von der Burgstelle an der Ostseite Pattensens (nördlich des Steintors) sind noch Wall und Graben und Mauerreste erhalten. Auf dem eingeebneten Burgplateau befindet sich heute ein Supermarkt und das Rathaus.
Pressemitteilung 18.08.2010, Region Hannover



